Aber das Leben lebt: The Aesthetics of the Seventies (CD, Niesom 006, 2003)
Vertrieb: Trost

Das österreichische Label Niesom hat uns erst kürzlich mit der eigenwilligen CD von Wolfgang Wiesbauer beeindruckt. Das neueste Album des noch jungen Labels, das man aufmerksam verfolgen sollte, trägt den sonderbar theoretisch klingenden Titel The Aesthetics of the Seventies und stammt von einem (Ein-Mann?-)Projekt mit dem ebenfalls eigenwilligen, aber symapathsichen Namen Aber das Leben lebt.
Nur füf Stücke enthät die CD, davon kaum eines unter zehn Minuten lang. Doch nicht hypnotischen Elektroniktracks sind es, wie man bei dieser Statistik denken, und auch keine nostalgiebekifften Krautrock-Derivate, wie man angesichts des Titels befürchten könnte. Tatsächlich handelt es sich um sehr stark textbasierte Kompositionen - textbasiert insofern, als die zugrundeliegenden Gedichte in ihrer assoziativen Logik und den Brechungen ihrer Bilder sich einem Songschema verweigern - auch wenn sich so etwas wie Refrains andeuten. Es handelt sich hier um lyrische Kurzgeschichten ("Just a short story of a dream that I had", singt die spröde Stimme des Sängers einmal, die Echos von Tom Waits oder Townes van Zandt wachruft), die trotz gelegentlicher Holprigkeiten im Englischen suggestive Bilder heraufbeschwören, in denen sich private Erinnerungen und emotionale Verwicklungen mit der sozialen Welt auf vielfätige Weise vernetzen. Die Musik folgt den verschlungenen (aber keineswegs verquasten) Pfaden der Texte, wechselt bisweilen innerhalb einer Komposition mehrmals ihre Strategie.

Das Klangbild der Stücke, ihre ausladenden Dimensionen und ihr bedächtiges Tempo, aber in allererster Linie das komplexe Zusammen- bzw. Gegeneinanderwirken von Geigen, synthetischen Sounds, Gitarren und (in dem phänomenalen Arrangement von I Had A Dream) jahrhundertealten Kirchenorgeln mit einer Mundharmonika erlauben wohl die Beschreibung "orchestral" - insofern ein Orchester eben ein komplexerer Klangkörper ist als eine Rockband. Das unterscheidet diesen Ansatz, obwohl ihn der Künstler selbstironisch im Titelstück als "aesthetics of that orchestral shit" bezeichnet, gerade von jenem unreflektierten Ansatz, der den nicht sachgerechten Einsatz von Orchestern in gängiger Popmusik so oft kennzeichnet, wo das Orchester nur dazu dient, dem Arrangement mehr "Masse" zu geben.

Ebenso komplex wie die Instrumentierung zeigt sich die Handhabung der Stimmen - das Beispiel par excellence ist hier das Titelstück. Der Sprecher des Textes, der auch im Booklet steht, liefert eine andeutungsweise "Autobiografie des ästhetischen Empfindens", die aus Erinnerungen an das ästhetische Erleben von Kunst, Natur und Erotik besteht - und über die Erinnerung an schöne Körper, die man einst begehrte, bekommt das Stück eine Dimension, in der das komplette Themenfeld von (sexueller) Identität und Kommunikation mit all seinen Deformationen, Verdrängungen und Unwägbarkeiten zur Debatte steht. Musikalisch wird dies kongenial realisiert, indem sich hinter der "offiziellen" Stimme des Erzähler-Ichs seine eigene Stimme nochmals als die murmelnde, wimmernde, brüllende Stimme seines Unterbewusstseins vernehmen lässt - wobei das musikalische Arrangement auch ohne diese Deutung funktioniert. In seiner verstörenden Intensität fällt mir dafür nur eine Parallele ein, nämlich der fast nicht mehr menschlich klingende Schrei des Sängers aus dem Hintergrund von Leonard Cohens One Of Us Cannot Be Wrong. Auf einem so irritierenden Phänomen ein ganzes (und dabei wunderbares) Stück aufzubauen, beweist eine besondere Kunstfertigkeit, zu der mir keine Vorläufer einfallen. Vielleicht, wenn John Cale auf der Höhe seines Talents und unter Aufrechterhaltung seiner Punk-Intensität der späten 70er eingedenk Gedichte von T.S.Eliot orchestral vertont hätte ... aber das ist ja bekanntermaßen nicht passiert. Diese Platte, obwohl nach der Ästhetik der 70er benannt, weist ihre eigenen neuen Wege.

gebrauchtemusik

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